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Ich begann, als andere aufhörten

 Bei mir fing eigentlich alles erst an, als es bei anderen aufhörte. Mein Entschluß, im Sommer 1989 Kandidat der SED zu werden, stieß auf wenig Verständnis.

Geboren wurde ich 1971 in Spremberg, einer kleinen Stadt in der Lausitz, die von der Textilproduktion, der Braunkohleverstromung im Kombinat Schwarze Pumpe und dem Sprelacartwerk lebte. Mein Vater war selbständiger Tischler und meine Mutter arbeitete im Textilwerk. Für den Vorteil, daß wir das Privileg mancher „Bückware“ hatten, mußte unser Vater allerdings als Selbständiger in seiner Werkstatt täglich 12 Stunden den Buckel krumm machen.

Der Tradition folgend, ging ich während des ersten Schuljahres auch zur Christenlehre. Daneben wurde ich natürlich Jungpionier. Als ich einmal beim Klingelsturm (klingeln und wegrennen) an Wohnungen erwischt wurde, hatte das zur Folge, daß ich von der Pionierleiterin eine sozialistische Rüge erhielt. Begründung: Ein Pionier tut so etwas nicht! Danach mußte ich bei allen „Geschädigten“ nunmehr offiziell klingeln und mich mit einem Blumenstrauß entschuldigen.

Gern erinnere ich mich noch an die Ferienlager im Sommer. Fast für ,,'nen Appel und 'n Ei“ verbrachten wir 14 tolle Tage, unter anderem im Zentralen Pionierlager „Grete Walter“ in Sebnitz. Dort hatten wir mit Kindern aus der ganzen Republik eine Menge Spaß und viele schöne unvergessene Erlebnisse. Unvergessen blieb auch ein Solibasar, bei dem Jugendliche aus der BRD einige Jugendzeitschriften spendeten. Eine davon erstand ich und war stolz darauf, etwas zu haben, was nicht jeder hatte. Leider hielt die Freude nicht lange vor. Mein Gruppenleiter nahm mir die Zeitschrift weg mit der Begründung, daß sie zur Schund- und Schmutzliteratur gehöre. Bevor er dann dieses Kampfblatt der westlichen Teeniegeneration an die übergeordneten Stellen weiterreichte, vergaß er nicht, für sich privat die attraktivsten Bilder abzufotographieren. Den anderen Bildband vom Solibasar über eine sozialistische Trabantenstadt in der Tschechoslowakei (in tschechischer Sprache) durfte ich aber behalten.

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, erinnere ich mich gern an die vielen Möglichkeiten der außerschulischen Freizeitgestaltung. Jedes Jahr nahm ich an einer anderen Arbeitsgemeinschaft teil - unentgeltlich versteht sich - sei es an einer Foto-Arbeitsgemeinschaft, an der AG Zeichnen oder an der AG Junge Rezitatoren. In jeder AG konnte ich mich ausprobieren, konnte versuchen, mich selbst zu finden und zu verwirklichen.

Doch es gab auch Dinge, die ich nicht verstand und die heute vielleicht lächerlich wirken. Damals bewegten sie mich sehr lange. Als ich einmal im Klassenraum verkündete, daß ich mich auf die Fernsehratesendung „Alpha-5“ im ARD-Fernsehen freute, gab es von der Klassenlehrerin kommentarlos einen Klaps auf den Mund. Zwei Stunden später mußte ich bei ebendieser Lehrerin das Essengeld der Klasse (55 Pfennige pro Essen) abrechnen. Sie nahm das Geld entgegen und steckte es in ihr Portemonnaie, in dem ich plötzlich einen echten DM-Schein erblickte. Meinen Frust mußte an diesem Tag mein Bleistift ertragen, den ich bis auf die Mine durchbiß ...

Nach der Schule begann ich eine Lehre bei der LPG Roter Oktober in Großluja, einem kleinen Ort bei Spremberg, und zwar in einer reinen Frauenbrigade. Ich wurde Genossenschaftsmitglied und hatte nun die Möglichkeit zu billigen Urlaubsreisen, erhielt Deputatspargel und hätte sogar die Chance auf ein eigenes Haus gehabt.

Mit achtzehn Jahren stellte ich mir die Frage, ob ich in die Demokratische Bauernpartei oder in die SED eintrete. Weil ich aus der Stadt kam und mich politisch engagieren wollte, fand ich es attraktiver, in die SED einzutreten. Dort hoffte ich, mehr bewegen zu können. In meiner Abteilung blieb ich allerdings der einzige. Im Mai 1989 wurde ich als Kandidat in die SED aufgenommen, was bei meinen Kollegen auf Ablehnung stieß. Bei der Kandidatenschulung im Sommer und Herbst 1989 ging es dann kaum noch um die theoretischen Lehren von Marx und Engels, sondern wir diskutierten heiß und engagiert über die aktuellen Probleme unseres Landes, vor allem über die große Ausreisewelle ab August.

Am 6. Oktober nahm ich in Berlin am großen Fackelumzug zum 40. Jahrestag der DDR teil. Auf der Tribüne „Unter den Linden“ sah ich hautnah alle Staatschefs der sozialistischen Länder, und vom baldigen Ende des real existierenden Sozialismus war an diesem Abend nichts zu spüren. Auch als Tausende DDR-Bürger mein Heimatland gen Westen verließen, die erste Reihe der SED-Führung abdanken mußte und nach und nach ihre schweren Fehler und der eingerissene Privilegienmißbrauch der alten DDR-Führung ans Licht kam, wurde es für mich zum Bedürfnis, gerade jetzt nicht das Handtuch zu werfen. Denn ich fühlte mich nach wie vor als Sozialist und mit meinem Land trotz aller seiner Probleme fest verbunden.

Während dann zum Jahreswechsel Hunderttausende ehemalige Genossen der Partei gerade noch rechtzeitig die Gefolgschaft aufkündigten, kam für mich ein einfaches Davonstehlen nicht in Frage. Insgesamt wurde die Partei von 90 Prozent ihrer ehemaligen Mitglieder verlassen. Für mich aber wurde die SED und dann PDS zu einer Partei, in der über die Vergangenheit offen und ehrlich gestritten wurde. Die anderen ehemaligen Blockparteien (CDU, LDPD, NDPD, DBD) erhielten plötzlich ihre Richtlinien und Finanzen aus Bonn und wurden schnell „gewendet“. Die SED aber zog sich selbst aus dem eigenen Sumpf und begann wieder zu sozialistischen Positionen zu finden. Im Januar 1990, als es weiß Gott nicht mehr „attraktiv“ war, Mitglied der Nachfolgepartei der SED zu sein, hoffte ich, daß eine neue, bessere SED-PDS-Führung, zusammen mit den Parteien des Runden Tisches, eine eigene und bessere Verfassung für die neue DDR durchsetzen könnte. Daß es dazu nicht mehr kam, lag wohl weniger an den Ideen unserer Partei und der Bürgerbewegungen. In letzteren hofften ja auch viele auf einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Es lag an dem Wunsch breiter Massen, künftig im westlichen Lebensstandard zu leben.

Zehn Jahre nach der Wende kann ich für mich behaupten, meinen Entschluß, in die SED einzutreten und dann Mitglied der PDS zu werden, nie bereut zu haben. Denn mein wichtigstes politisches Anliegen ist, mich für die sozialen Belange der Schwächeren einzusetzen.

Ingo Biehn 


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